Auf Grund meiner familiären Situation pendele ich seit 2 Jahren zwischen Hamburg und Wien.
Auf Grund meiner finanziellen Situation suche ich – inzwischen ebenso lang – nach einer Tätigkeit, möglichst remote.
Ich bin 67, habe zwei kleine Unternehmen aufgebaut, zuerst eines im Event- und Ausstattungsbereich, das ich 10 Jahre führte, zuletzt ein Systemhaus im Apple Umfeld, das ich 20 Jahre betrieb.
Zunächst dachte ich, dass es auf Grund des grossen Fachkräftemangels kein Problem sein dürfte, mit meinen Skills einen Job zu finden, auch wenn ich eine 5 jährige „IT-Pause“ hinter mir hatte.
Doch waren für eineinhalb Jahre die Reaktionen auf meine Bewerbungen nur ablehnend – sofern ich überhaupt Reaktionen erhielt. Dafür fand ich keine Erklärung und bekam auch auf Nachfragen keine. So schob ich dies erst einmal auf mein fortgeschrittenes Alter. Allerdings war immer wieder zu lesen, dass angesichts des Mangels am Arbeitsmarkt auch wieder vermehrt ältere Fachkräfte rekrutiert würden.
Durch Zufall stiess ich bei meinen Recherchen dann darauf, dass in Bewerbungsprozessen inzwischen vermehrt auf automatisierte Vorarbeit gesetzt wird, in diesem Fall auf das ATS = Applicant-Tracking-System. Um von diesem System wahrgenommen zu werden, muss der berufliche Werdegang in ein Format gebracht werden, das vom ATS-Scanner erkannt und ausgelesen werden kann.
Im Netz machte ich mich auf die Suche nach einem Testscanner, um meine Applikation zu prüfen und fand als Ergebnis statt eines Scanners eine Vielzahl von Dienstleistern vor, die meine Unterlagen analysieren und pimpen wollten – gegen eine respektable Gebühr, jeweils pro Bewerbung. Den benötigten Scanner fand ich damals nach längerer detektivischer Recherche dann endlich – in den USA. (Inzwischen sind glücklicherweise wesentlich mehr Testumgebungen aufzufinden.)
Der erste Test-Durchlauf meiner beruflichen Selbstdarstellung war verheerend: keine meiner Fähigkeiten und keine der Stationen in meinem Arbeitsleben konnten korrekt ausgelesen und zugewiesen werden, nicht einmal die Adresse. Nun hiess es ein Layout, welches sich vor ein paar Jahren noch als nützlich erwiesen hatte, komplett umzuarbeiten. Es schien also bisher der Fall gewesen zu sein, dass mein Lebenslauf aussortiert worden war, bevor ihn überhaupt ein menschliches Wesen zu Gesicht bekommen hatte.
Ich fragte im KollegInnen- und Freundeskreis nach, seit wann denn ATS im Einsatz ist und wie ihre Erfahrungen sind. Erstaunlicher Weise hatten nur die wenigsten davon gehört, nicht einmal die StudentInnen darunter, dass sich dieses System etabliert hat. Selbst Universitäten bereiteten ihre AbsolventInnen anscheinend nicht darauf vor, ATS konforme Bewerbungen zu erstellen. Dass es also einen so grossen FacharbeiterInnen-Mangel gibt, ist angesichts dessen nicht verwunderlich.
Eine Vielzahl an BewerberInnen werden sich in Unkenntnis der Existenz und Funktionsweise des ATS mit nicht konformen Unterlagen bewerben und so ist stark zu vermuten, dass qualifizierte KandidatInnen von diesem starren System direkt am Anfang des Bewerbungsprozesses herausgefiltert werden, da es leider nicht in der Lage ist, Unterlagen korrekt auszulesen, die nicht dem vorgegebenen Standard folgend gestaltet sind.
Es ist verständlich, dass RecruiterInnen Prozesse optimieren wollen, doch nicht immer ist der Schlachtruf „Standardisierung“ zielführend, da BewerberInnen dann eben doch sehr individuell sind und es bei der Suche nach passenden KandidatInnen hilfreich ist, auch zwischen den Zeilen lesen zu können.
Meine Unterlagen erreichen nun nach der Anpassung eine ATS-Trefferquote von durchschnittlich 89% und immerhin bekomme ich nun auch mehr Rückmeldungen, immer noch viele Absagen, aber auch einige mehrphasige Vorstellungsrunden waren dabei.
Ich vermute, dass meine Bewerbungen beim Tracking noch immer häufig sofort aussortiert werden, weil mein Geburtsjahr 1957 nicht den vorgegebenen Parametern entspricht.